Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, zusammen mit Jan ein besonders aufwendiges Motion-Rig bei Basti auszuprobieren. Wer sich mit Simracing oder Flugsimulation beschäftigt, kennt solche Systeme vermutlich zumindest aus Videos: bewegliche Cockpits, die Fahr- und Flugbewegungen physisch auf den Körper übertragen sollen. Aber ein solches System einmal live zu erleben, ist nochmal etwas völlig anderes.
Basti beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit sogenannten 6DoF Motion Rigs. Das „6DoF“ steht für „Six Degrees of Freedom“, also sechs Freiheitsgrade. Gemeint sind Bewegungen in alle Richtungen: nach vorne, hinten, links, rechts, oben, unten sowie Rotationen und Neigungen. Ziel ist es, Bewegungen aus Simulatoren möglichst glaubwürdig körperlich spürbar zu machen.
Schon beim ersten Blick auf das Setup wird klar, dass hier sehr viel Technik zusammenkommt. Servomotoren, Aktuatoren, Schaltschrank, Steuerungstechnik, Gurtsysteme, Windsimulation, Force-Feedback-Lenkräder und modulare Erweiterungen. Gleichzeitig wirkt das Ganze erstaunlich präzise und kontrolliert. Genau darüber habe ich mit Basti ausführlich gesprochen.
Wie aus VR ein Motion Rig wurde
Besonders interessant fand ich, wie Basti überhaupt zu diesem Thema gekommen ist. Der Ausgangspunkt war nicht direkt Simracing, sondern VR. Er erzählte, dass ihn die Immersion moderner VR-Headsets irgendwann an einen Punkt gebracht habe, an dem ihm etwas Entscheidendes fehlte: die körperliche Rückmeldung. Das Bild im Headset sei bereits so überzeugend gewesen, dass nur noch die Kräfte gefehlt hätten, um das Gefühl komplett zu machen.
Am Anfang standen deshalb noch vergleichsweise einfache Lösungen wie sogenannte Bass Shaker. Kleine Vibrationssysteme, die Motoren, Curbs oder Straßenunebenheiten fühlbar machen. Heute sind solche Systeme im Simracing weit verbreitet, aber damals seien sie noch eher exotisch gewesen. Dieser Einstieg zeigt ziemlich gut, worum es bei solchen Setups geht. Nicht darum, möglichst spektakulär auszusehen, sondern darum, dem Gehirn zusätzliche Informationen zu geben. Schon relativ einfache Vibrationen können dafür sorgen, dass sich ein Fahrzeug glaubwürdiger anfühlt. Ein vollständiges Motion Rig geht dann noch deutlich weiter.


Was ein 6DoF Motion Rig eigentlich macht
Das Rig selbst basiert auf mehreren hochpräzisen Servomotoren, die über Spindeln Bewegungen erzeugen. Dadurch kann die gesamte Konstruktion extrem schnell und exakt bewegt werden.
Besonders beeindruckend war dabei die Direktheit der Bewegungen. Das System reagiert praktisch ohne spürbare Verzögerung. Basti sprach davon, dass die Aktuatoren aktuell rund 5000 Positionen auf nur wenige Zentimeter Fahrweg ansteuern können. Diese Präzision sorgt dafür, dass kleine Fahrbahnunebenheiten, Bremsvorgänge oder Gewichtsverlagerungen glaubwürdig wirken.
Dabei geht es nicht darum, reale G-Kräfte vollständig nachzubilden. Das wäre in einem normalen Raum physikalisch kaum möglich. Stattdessen arbeitet das System mit geschickten Bewegungsillusionen. Kleine Bewegungen, Gurtstraffer, Vibrationen und Windsimulationen ergänzen sich gegenseitig so, dass das Gehirn daraus ein wesentlich intensiveres Gesamtgefühl konstruiert.
Gerade die Gurtstraffer fand ich spannend. Beim Bremsen ziehen die Gurte automatisch an und simulieren so das Gefühl, in den Gurt gedrückt zu werden. Auch Windsimulation kann offenbar enorm viel zur Immersion beitragen. Basti beschrieb eine Situation mit einem offenen Formelwagen, bei der durch den Wind plötzlich für einen Moment das Gefühl entstand, nicht mehr in einem Zimmer zu sitzen.
Diese Momente finde ich im XR-Bereich allgemein besonders spannend. Nicht unbedingt die reine Bildqualität oder Auflösung, sondern Situationen, in denen mehrere Sinneseindrücke plötzlich zusammenarbeiten.

Technik, Wartung und Realität hinter solchen Systemen
Von außen wirken solche Setups oft fast wie industrielle Maschinen. Und ein Stück weit sind sie das auch.
Im Hintergrund arbeitet ein kompletter Schaltschrank mit Steuerungstechnik, Sicherheitskreisen und Motorcontrollern. Die Software berechnet kontinuierlich, welche Bewegungen die Aktuatoren ausführen müssen, basierend auf den Telemetriedaten der jeweiligen Simulation. Interessant war dabei auch, dass moderne Simulatoren mittlerweile erstaunlich viele Daten bereitstellen. Geschwindigkeit, Bremskräfte, Fahrbahnunebenheiten, Beschleunigung oder Flugbewegungen können direkt aus den Spielen ausgelesen und übersetzt werden.
Trotz der komplexen Technik sprach Basti überraschend oft darüber, dass solche Systeme langfristig relativ wartungsarm seien. Hochwertige Komponenten, gute Schmierung und sauberer Aufbau würden dafür sorgen, dass der mechanische Verschleiß vergleichsweise gering bleibt. Viel aufwendiger sei oft eher der Aufbau und die Einrichtung. Gerade wenn komplette Systeme inklusive PC, Lenkrad, Flightstick, Software und Motion-Konfiguration eingerichtet werden sollen, steckt enorm viel Arbeit darin. Deshalb bietet Basti mittlerweile nicht nur Unterstützung beim Aufbau an, sondern teilweise komplette schlüsselfertige Lösungen inklusive Einweisung.
Dabei merkt man auch, wie viel Leidenschaft hinter dem Thema steckt. Das Gespräch wirkte nie wie ein klassisches Produktgespräch, sondern eher wie jemand, der über ein Hobby spricht, in das er über Jahre immer tiefer eingestiegen ist.


Mehr als nur ein Gaming-Gadget
Solche Motion Rigs sind natürlich nichts für den Massenmarkt. Sie benötigen Platz, Geld, technisches Interesse und oft auch einiges an Zeit. Trotzdem zeigen sie ziemlich eindrucksvoll, wohin immersive Technologien gehen können.
VR alleine kann bereits sehr überzeugend sein. Aber sobald Bewegung, Haptik, Vibrationen, Wind oder physische Rückmeldungen dazukommen, verändert sich die Wirkung oft nochmal deutlich. Solche Systeme faszinieren mich deshalb besonders. Denn am Ende geht es nicht nur darum, etwas zu sehen. Es geht darum, dass der Körper beginnt, virtuelle Situationen zumindest teilweise als glaubwürdig zu akzeptieren.
An dieser Grenze zwischen Technik und Wahrnehmung werden XR-Erlebnisse oft erst wirklich interessant.

