Snap Spectacles ausprobiert – Wie nah sind wir wirklich an alltagstauglichen AR-Brillen?

Im Moment wirkt es fast so, als würden plötzlich alle großen Tech-Unternehmen an derselben Idee arbeiten: Brillen, die mehr sein wollen als nur ein Bildschirm vor den Augen. Meta arbeitet mit Ray-Ban an smarten Alltagsbrillen, XREAL und Rokid setzen auf Entertainment und portable Displays, Google experimentiert erneut mit Augmented Reality und auch Unternehmen wie Lenovo, TCL oder Vuzix positionieren sich zunehmend in diesem Bereich.

Und mittendrin stehen die Snap Spectacles. Eine Brille, die viele bisher vermutlich gar nicht richtig auf dem Schirm hatten. Keine große Consumer-Kampagne, kein aggressives Marketing im klassischen Sinne und aktuell auch kein Produkt, das man einfach im Laden kaufen kann. Trotzdem könnte genau dieser Ansatz am Ende besonders relevant werden.

Ich hatte die Gelegenheit, die aktuellen Snap Spectacles selbst auszuprobieren – und sie geben einen ziemlich spannenden Einblick darin, wo diese Geräteklasse heute steht und welche Ideen sich möglicherweise langfristig durchsetzen könnten.

Die Spectacles fühlen sich noch nicht wie ein fertiges Produkt an – aber genau das macht sie interessant

Die erste Reaktion beim Aufsetzen ist relativ eindeutig: Diese Brille ist technisch beeindruckend, aber noch weit von einer klassischen Alltagsbrille entfernt. Die Spectacles sind noch groß, auffällig und deutlich „techiger“ als beispielsweise die Ray-Ban Meta Smart Glasses. Und das überrascht eigentlich nicht, wenn man sich anschaut, was hier alles verbaut wurde.

Snap integriert in diese Brille zwei Displays mit eigenen Prozessoren, 6DOF-Tracking, diverse Sensoren und Kameras mit Farbdarstellung, Audio, WLAN, Bluetooth, GPS und eine KI-Anbindung. Im Grunde steckt hier bereits vieles drin, was man sich für zukünftige AR-Brillen wünschen würde – nur eben noch nicht in einer Form, die man problemlos den ganzen Tag tragen möchte. Trotzdem war ich beim Ausprobieren teilweise wirklich beeindruckt.

Die Displays sind angenehm hell und das räumliche Tracking funktioniert erstaunlich stabil. Virtuelle Inhalte bleiben fest im Raum verankert und vermitteln erstmals dieses Gefühl, dass digitale Inhalte tatsächlich Teil der Umgebung werden können. Gerade diese Stabilität ist extrem wichtig, weil Augmented Reality sofort auseinanderfällt, wenn Objekte anfangen zu driften oder unsauber im Raum stehen.

Bei den Spectacles funktioniert das bereits erstaunlich gut.

AR ohne Controller wirkt plötzlich erstaunlich natürlich

Snap Spectacles - Menü und Verankerung im Raum
Snap Specacles – Tracking

Besonders interessant fand ich die Art der Interaktion. Die Steuerung funktioniert hauptsächlich über Handtracking und Körperbewegungen. Man greift nicht mehr permanent zu klassischen VR-Controllern, sondern interagiert direkt mit den eigenen Händen und der Umgebung. Genau dadurch entsteht ein deutlich natürlicheres Gefühl im Umgang mit den Anwendungen.

Noch spannender wird es aber dann, wenn reale Objekte mit der Software interagieren. Und genau hier merkt man plötzlich, dass diese Technologie weit über reine Unterhaltung hinausgehen könnte. Natürlich lassen sich damit Spiele und kleine AR-Erlebnisse umsetzen. Geschicklichkeitsspiele, Rätsel oder interaktive Lernanwendungen funktionieren bereits heute überraschend gut. Aber gleichzeitig entstehen hier auch Möglichkeiten für Training, Bildung oder sogar medizinische Anwendungen.

Gerade im Bereich Rehasport oder Bewegungslernen kann visuelles Feedback unglaublich motivierend wirken. Bewegungen werden direkt sichtbar, Fortschritte unmittelbar belohnt und Übungen deutlich greifbarer vermittelt. Dazu kommen Dinge wie Live-Übersetzungen, gemeinsame Arbeitsumgebungen oder interaktive Wissensvermittlung.

Snap Spectacles
Snap Spectacles
Snap Spectacles - Kochen mit Kochbuch
Kochen mit den Snap Spactecles

Der eigentliche „Spatial Computing“-Moment

Die für mich vielleicht spannendste Eigenschaft der Spectacles ist allerdings eine andere. Mehrere Brillen können Positionsdaten miteinander teilen. Das klingt zunächst technisch und abstrakt, fühlt sich in der Praxis aber erstaunlich futuristisch an. Mehrere Menschen tragen dieselben Brillen und sehen gleichzeitig dieselben digitalen Inhalte im Raum. Sie können gemeinsam an Objekten arbeiten, miteinander interagieren und dieselbe digitale Ebene teilen. Das fühlt sich nicht mehr nur wie klassische Augmented Reality an. Es wirkt eher wie eine gemeinsame digitale Realität, die direkt mit der echten Umgebung verschmilzt. Dieses Gefühl lässt sich schwer erklären, wenn man es noch nie ausprobiert hat. Aber genau solche Momente zeigen ziemlich deutlich, warum der Begriff „Spatial Computing“ momentan überall auftaucht.

Spatial Computing und gemeinsames Arbeiten in AR

Noch ist vieles nicht gut genug

Trotzdem merkt man den Spectacles jederzeit an, dass sie noch ein Entwicklergerät sind. Der Akku hält bei intensiver Nutzung nur ungefähr 15 Minuten durch und schreit praktisch nach einer externen Powerbank. Das Sichtfeld ist für meinen Geschmack noch zu klein, insbesondere bei Anwendungen, die stärker in die Breite gehen. Auch das Handtracking wirkt teilweise noch zu träge und der nutzbare Trackingbereich dürfte gerne deutlich größer sein.

Das alles sind keine kleinen Details, sondern reale Probleme. Und genau deshalb würde ich die aktuelle Version der Spectacles aktuell noch nicht als Consumer-Produkt empfehlen. Aber gleichzeitig sieht man hier bereits sehr klar das Konzept hinter der Idee.

Snap verfolgt eine andere Strategie als viele Konkurrenten

Snap versucht aktuell gar nicht zuerst das perfekte Produkt zu bauen. Die Spectacles lassen sich momentan nicht regulär kaufen. Stattdessen müssen sich Entwickler oder interessierte Nutzer auf ein Mietmodell bewerben. Das Gerät richtet sich aktuell bewusst nicht an den klassischen Endkundenmarkt. Und genau darin liegt möglicherweise die eigentliche Strategie.Während viele andere Unternehmen zunächst versuchen, möglichst schnell Hardware zu verkaufen, konzentriert sich Snap stark auf das Ökosystem dahinter.

Snap investiert nicht nur in die Hardware selbst, sondern massiv in Entwicklerwerkzeuge, Plattformen und Software-Strukturen. Mit Lens Studio existiert bereits ein System, das Entwicklern vergleichsweise einfach ermöglicht, eigene Anwendungen für die Spectacles zu erstellen. Das bedeutet letztlich: Falls Snap irgendwann tatsächlich ein marktreifes Consumer-Produkt veröffentlicht, könnte bereits eine bestehende App- und Erlebnisbibliothek vorhanden sein.

Und das ist ein enorm wichtiger Unterschied. Viele Plattformen scheitern nicht an der Hardware, sondern daran, dass es zu wenig sinnvolle Inhalte gibt. Snap versucht dieses Problem offensichtlich schon vorher zu lösen.

Im Moment entstehen vermutlich drei verschiedene Arten von Smart Glasses

Wenn man sich den aktuellen Markt anschaut, dann wirkt es momentan fast so, als würden sich drei unterschiedliche Richtungen parallel entwickeln.

Die erste Kategorie sind klassische „Always-on Smart Glasses“, also Brillen, die möglichst unauffällig im Alltag funktionieren sollen. Die Ray-Ban Meta Smart Glasses sind aktuell wahrscheinlich das bekannteste Beispiel dafür. Hier geht es hauptsächlich um Kommunikation, KI-Unterstützung und Alltagstauglichkeit.
Dann gibt es Geräte wie die Spectacles. Brillen, die man nicht dauerhaft trägt, sondern bewusst für bestimmte Anwendungen aufsetzt. Für AR-Erlebnisse, Experimente, Spiele oder produktive Anwendungen. Eine Art Use-Case-AR-Brille.
Und schließlich existieren noch reine Entertainment-Geräte wie XREAL oder Rokid. Systeme, die vor allem als portable Displays für Gaming oder Videowiedergabe funktionieren.

Im Moment scheint noch niemand genau zu wissen, welche Kombination sich langfristig wirklich durchsetzen wird.

3 Klassen von Smart Glasses
Drei Klassen von Smart Glasses?

Vielleicht wiederholt sich gerade die Geschichte der Smartphones

Wenn man zurückblickt, wirkt diese Entwicklung erstaunlich vertraut. Vor dem Smartphone gab es viele einzelne Geräteklassen nebeneinander: Kameras, MP3-Player, Navigationsgeräte oder klassische Mobiltelefone. Heute steckt all das in einem einzigen Gerät.

Möglicherweise passiert gerade etwas Ähnliches mit Smart Glasses und AR-Brillen. Aktuell müssen Hersteller noch spezialisierte Geräte bauen, weil die Technologie noch nicht weit genug ist, um alles überzeugend in einem Produkt zu vereinen. Aber langfristig könnten diese Kategorien zunehmend miteinander verschmelzen.

Fazit

Die Snap Spectacles sind aktuell kein fertiges Produkt für den Massenmarkt. Aber sie geben einen sehr interessanten Einblick darin, wohin sich diese Geräteklasse entwickeln könnte. Vor allem zeigen sie, dass Augmented Reality langsam beginnt, sich von einer technischen Demo zu etwas zu entwickeln, das tatsächlich sinnvoll nutzbar werden könnte – auch außerhalb klassischer Tech-Demos oder Gaming-Anwendungen.

Noch ist vieles zu groß, zu schwer, zu kurzlebig oder technisch nicht ausgereift genug. Aber gleichzeitig merkt man bei den Spectacles bereits ziemlich deutlich, dass hier ein echtes Konzept dahintersteht. Vielleicht stehen wir tatsächlich gerade am Anfang einer neuen Geräteklasse.