Warum FOV-Werte in VR oft irreführend sind

Wer sich mit VR-Headsets beschäftigt, stößt früher oder später auf große Zahlen und Bezeichnungen, die die Weite des Sichtfeldes beschreiben sollen: 120 Grad, 140 Grad, Ultrawide oder Extra Wide Field of View.

Die Hersteller werben gerne mit möglichst großen Sichtfeldern. Das wirkt zunächst logisch: Mehr Sichtfeld müsste doch automatisch immersiver sein. Schließlich sehen wir im echten Leben auch nicht durch einen kleinen Tunnel. Ein größeres Sichtfeld klingt also automatisch nach „mehr Realität“. Und natürlich steckt darin auch ein Stück Wahrheit. Ein großes Sichtfeld kann das Gefühl verstärken, tatsächlich in einer virtuellen Umgebung zu stehen.

Trotzdem ist die Sache deutlich komplizierter, als viele Spezifikationen vermuten lassen. Denn bei VR entscheidet nicht allein eine Zahl darüber, wie gut sich ein Headset anfühlt.

Was Field of View überhaupt bedeutet

Field of View, kurz FOV, beschreibt das sichtbare Bildfeld innerhalb eines VR-Headsets. Vereinfacht gesagt also den Bereich, den man sehen kann, ohne die Augen oder den Kopf zu bewegen.

Dabei gibt es verschiedene Arten, dieses Sichtfeld anzugeben:

  • horizontales FOV
  • vertikales FOV
  • diagonales FOV

Das horizontale FOV beschreibt die sichtbare Breite, das vertikale die Höhe und das diagonale FOV misst dagegen die diagonale Strecke von einer oberen Ecke zur gegenüberliegenden unteren Ecke.

Gerade dieser Unterschied ist wichtig. Denn diagonale Werte fallen immer größer aus als horizontale Werte. Manche Hersteller geben jedoch einfach nur eine Gradzahl an, ohne klar zu benennen, wie genau gemessen wurde. Dadurch entstehen schnell falsche Vorstellungen davon, wie groß das tatsächliche Sichtfeld wirklich ist.

FOV
FOV – horizontal, vertikal, diagonal

Ein Headset mit „140 Grad FOV“ klingt beeindruckend. Wenn dieser Wert diagonal gemessen wurde, kann das tatsächlich sichtbare horizontale Sichtfeld aber deutlich kleiner ausfallen. Das muss nicht zwangsläufig eine bewusste Täuschung sein. Für Nutzer ist es trotzdem irreführend, weil Zahlen miteinander verglichen werden, die eigentlich unterschiedliche Dinge beschreiben.

Warum zwei Menschen dasselbe Headset völlig unterschiedlich erleben können

Selbst wenn ein Hersteller korrekte Werte angibt, bleibt ein weiteres Problem bestehen: Das technische Sichtfeld eines Headsets ist nicht automatisch das Sichtfeld, das bei jedem Nutzer tatsächlich ankommt.

Wie groß das sichtbare Bild letztlich wirkt, hängt stark von individuellen Faktoren ab:

  • Gesichtsform
  • Augenabstand
  • Augenposition
  • Abstand zwischen Augen und Linsen
  • Polsterung des Headsets
  • Sitz des Headstraps

Schon kleine Unterschiede verändern, wie viel vom Display tatsächlich sichtbar wird. Das führt dazu, dass zwei Personen dasselbe Headset tragen können und trotzdem ein anderes FOV erleben. Manche Menschen kommen näher an die Linsen heran und sehen dadurch mehr vom Bild. Andere verlieren sichtbar Fläche, obwohl sie dasselbe Gerät benutzen.

VR ist deshalb wesentlich subjektiver, als reine Spezifikationen vermuten lassen.

Binocular Overlap: Der oft unterschätzte Faktor

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die sogenannte Stereoüberlappung, auch Binocular Overlap genannt. Unsere Augen sehen die Welt nie exakt gleich. Jedes Auge betrachtet die Umgebung aus einer leicht anderen Perspektive. Der Bereich, den beide Augen gleichzeitig wahrnehmen, sorgt für räumliches Sehen und Tiefenwahrnehmung. Genau dieses Prinzip wird auch in VR genutzt. Je größer diese Überlappung ist, desto natürlicher wirkt der 3D-Eindruck häufig. Viele Menschen empfinden Headsets mit hoher Stereoüberlappung als angenehmer und entspannter. Wird die Überlappung zu klein, kann das verschiedene Auswirkungen haben:

  • schwächeres räumliches Sehen
  • schneller ermüdende Augen
  • ein unnatürliches Sehgefühl
  • mehr Kompensationsarbeit für das Gehirn

Werte um etwa 70 bis 75 Grad gelten oft als solide. Mehr kann Vorteile bringen.

Das Problem dabei:

Große Sichtfelder gehen bei vielen aktuellen Headsets häufig auf Kosten genau dieser Stereoüberlappung. Hersteller erweitern das äußere Sichtfeld, reduzieren dafür aber den Bereich, den beide Augen gemeinsam wahrnehmen. Ein Headset kann also ein besonders großes FOV besitzen und sich trotzdem für manche Menschen weniger angenehm anfühlen als ein Gerät mit kleinerem Sichtfeld.

Binocular Overlap
Binocular Overlap

Wie man FOV überhaupt messen kann

Interessanterweise zeigen VR-Headsets das eigene Sichtfeld nicht einfach irgendwo im Menü an. Wer wissen möchte, wie groß das tatsächliche FOV bei der eigenen Gesichtsform wirklich ist, benötigt spezielle Tools.

TestHMD bietet eine umfangreiche Testumgebung, mit der sich unter anderem horizontales und vertikales FOV messen lassen. Das Tool kostet etwas Geld, liefert dafür aber viele zusätzliche Informationen rund um VR-Optik und Wahrnehmung.

Test HMD
Tool – Test HMD

WimFOV / What Is My FOV konzentriert sich speziell auf die Sichtfeldmessung und ist kostenlos nutzbar. Besonders hilfreich ist die detaillierte Darstellung der einzelnen Sichtfelder beider Augen inklusive Berechnung der Stereoüberlappung. Gerade für technische Vergleiche ist das Tool sehr interessant.

Mit HMDQ lassen sich technische Werte direkt aus der Firmware eines Headsets auslesen. Dazu gehört unter anderem das maximal mögliche theoretische Sichtfeld. Vergleicht man diesen Wert mit den eigenen Messungen, erkennt man schnell, wie viel vom theoretischen Maximum tatsächlich im eigenen Gesicht ankommt.

Diese Programme sind nicht notwendig, um Spaß an VR zu haben. Sie werden vor allem für Menschen interessant, die tiefer verstehen möchten, warum sich bestimmte Headsets unterschiedlich anfühlen.

WIMFOV - WHAT IS MY FOV
WIMFOV – WHAT IS MY FOV
HMDQ Tool
HMDQ Tool

Warum Immersion nicht nur vom Sichtfeld abhängt

Ein gutes VR-Erlebnis entsteht nicht automatisch dadurch, möglichst viel zu sehen. Entscheidend ist vielmehr, ob das Gehirn dem Bild vertraut. Sobald Augen und Gehirn anfangen müssen zu kompensieren, leidet die Immersion. Über das schwierige Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren habe ich gerade gesprochen.

Ich hatte zum Beispiel einmal ein frühes Testgerät auf dem Kopf, das softwareseitig noch nicht richtig abgestimmt war. Nachdem ich das Headset abgenommen hatte, brauchten meine Augen einige Minuten, um sich wieder zu beruhigen. Es fühlte sich kurzzeitig fast so an, als würde ich schielen. Das war ein Extremfall, verdeutlicht aber gut, wie stark das Gehirn versucht, unstimmige Informationen auszugleichen.

In vielen Diskussionen über VR-Hardware wird dieser Faktor meiner Meinung nach unterschätzt. Nicht jede technische Maximierung führt automatisch zu einem besseren Erlebnis.

Faulty Distortion Profile
Faulty Distortion Profile

Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Prioritäten

Manche Nutzer wollen ein möglichst großes Sichtfeld. Andere legen mehr Wert auf eine hohe Bildruhe oder ein gleichmäßig scharfes Bild über große Bereiche hinweg. Viele sprechen hier von sogenannter Edge-to-Edge-Clarity. Wieder andere priorisieren Performance und ein flüssiges Gameplay höher als maximale Auflösung oder maximale Sichtfeldgröße.

All diese Prioritäten sind legitim. Denn VR wird extrem subjektiv erlebt. Es gibt kein universell perfektes Headset, das für alle Menschen automatisch die beste Wahl ist. Dafür unterscheiden sich Wahrnehmung, Komfortempfinden und Erwartungen zu stark.

VR Sweet Spot
Sweet Spot & Edge to Edge Clarity in VR

Warum FOV allein kaum etwas aussagt

Field of View ist keine einzelne Zahl, die man einfach objektiv vergleichen kann. Das tatsächliche VR-Erlebnis entsteht aus einem Zusammenspiel aus:

  • Optik
  • Gesichtsform
  • Wahrnehmung
  • Stereoüberlappung
  • persönlichem Komfortempfinden
  • individuellen Prioritäten

Zwei Menschen können dasselbe Headset tragen, ähnliche Werte messen und trotzdem zu völlig unterschiedlichen Eindrücken kommen. Deshalb geht es bei Immersion nicht nur darum mehr zu sehen, sondern darum, dass sich das, was man sieht, für das eigene Gehirn natürlich und stimmig anfühlt.